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Zweiter Tag

Gestern bin ich schon vor meinem Wecker aufgewacht. Draußen schien die Sonne und irgendwer frühstückte lauthals auf seiner Terrasse. Ich werde Frühaufsteher nie verstehen!

Das Frühstück hier im Hotel ist richtig gut. Frische Brötchen, Brot und Croissants, Blechkuchen, hochwertiger Aufschnitt und Käse, Lachs, Eier in jeder Variation, gebratener Speck und frisches Obst, Müsli, Joghurt und verschiedene Säfte. Leider gab’s keinen Latte Macchiato, aber man kann nicht immer alles haben.

Fast alle Tische waren an der langen Fensterfront platziert, so dass man auf die abschüssige Straße sehen konnte. Viele Touristen haben sich für ihren Urlaub offensichtlich ein Fahrrad gemietet und ich konnte beobachten, wie sie sich ganz vorsichtig und mit angezogener Bremse in ungewohnter Haltung den Hügel zum Südstrand hinunterrollen ließen. In der Gegenrichtung fuhr fast niemand. In einer langen Kette schoben sie hintereinander ihre Räder hinauf. Vielleicht sollten die auch mal den Rest des Jahres Radfahren…

Nach dem Frühstück hatte ich Lust zu joggen. Ich sagte an der Rezeption Bescheid, dass ich das Zimmer noch zum Duschen bräuchte. Kein Problem. Die Frühstücks-Crew ist gleichzeitig auch die Zimmer-Crew und die mussten erst den Frühstücksraum fertig machen bevor sie in den Zimmern weitermachten.

Auf GoogleMaps plante ich meine Route. Den Weg bis nach Lobbe, dann der Straße Insel einwärts und zum Schluss an der Abzweigung wieder östlich zurück nach Göhren sind knapp 10 Km. Eine schöne Strecke. Als ich loslief, schien die Sonne. Bis zum Museumsschiff sind es nur ein paar Hundert Meter bergab, so dass ich schon nach knapp zwanzig Minuten in Lobbe war. Von hier führte ein Damm, der als Fuß- und Radweg beschildert ist, parallel entlang der Landstraße durch die Felder. Was für eine schöne Strecke! Der Weg zurück nach Göhren führte durch Felder und ein Waldstück und verzweigte sich immer wieder. Zum Glück kann ich mich generell gut orientieren und hin und wieder hat mir auch ein Wegweiser geholfen.

Nach etwa einer Stunde kehrte ich zurück ins Hotel. Ich war völlig verschwitzt. Mein T-Shirt war so nass, als wär ich damit schwimmen gewesen. Mein Zimmer war auch noch unberührt, so dass ich schnell duschen ging, meine Sportsachen in einen Beutel verstaute und die Koffer zusammen packte. Mit meinem Strand-Rucksack ging ich an den Süd-Strand.

Ich hoffte auf ein paar Jugendliche, die Volleyball spielen, aber außer Familien mit Kleinkindern und Rentnern sind hier scheinbar keine Touristen. Egal, ich hatte ja auch Musik und ein Buch dabei. Aber erst mal ins Wasser, das wie in Greifswald angenehm warm war. Und vor allem nicht unangenehm salzig wie die anderen Meere, die ich kenne.

Nach ungefähr einer Stunde zog sich der Himmel zusammen und die ersten Menschen verließen den Strand. Viel war auch vorher nicht los, aber jetzt war es plötzlich unheimlich leer. Als es anfing zu tröpfeln, ging ich noch einmal ins Wasser. Besser ins warme Nass als von oben kalt berieselt zu werden, dachte ich mir. Neben mir tat es mir eine alte Frau gleich. Wir lächelten uns im stillen Einverständnis zu.

Als wir wieder draußen waren und uns abtrockneten, fing es richtig an zu regnen. Na gut, kein Strand mehr… Ich packte meine Sachen zusammen und ging zurück ins Hotel. Allen Menschen, denen ich begegnete, hatten entweder einen Regenschirm aufgespannt oder ein Regencape übergeworfen. Ich hatte beides natürlich nicht dabei. Als Einziger auf der ganzen Insel, wie es scheint. Hey Leute, es ist August! Warum nehmt ihr in euren Sommerurlaub Regensachen mit. Wir haben immerhin immer noch 25 Grad…

Im Hotel teilte man mir mit, dass das Zimmer frühestens in ein, zwei Stunden fertig sei. Ich fragte nach einem Erlebnisbad mit Sauna und man bot mir an, den Wellness-Bereich im Partnerhotel kostenlos zu benutzen. Sehr schön!

Ich hatte ein Schwimmbecken mit kleiner Saunakabine erwartet, aber im Waldhotel gab es wirklich einen großzügigen Saunabereich mit vier verschiedenen Saunen, zwei Dampfbädern und Whirlpool. Und natürlich ein Schwimmbecken. Aber warum auch immer war dort nichts los. Eine junge Familie am Pool und zwei Paare, die sich mit mir den Saunabereich teilten.

Während ich den Wellness-Bereich ausgiebig nutzte und mich an den bereitgestellten Köstlichkeiten (frisches Obst und kühles Wasser) erfrischte, fiel mir ein Flyer der Massage-Abteilung in die Hände. Dort wurde ein Sommer-Special-Angebot beworben: 40 Minuten Rückenmassage und eine heiße Kreide-Packung für 29 Euro. Ein guter Deal, wenn ich bedenke, dass wir an der Nordsee über 50 Euro für 45 Minuten gezahlt hatten und diese Leistung hier sonst auch über 40 Euro kostet.

Aber wo war die Massage? Der Saunabereich war in sich abgeschlossen, also ging ich nur mit einem umgeworfenen Handtuch bekleidet durch die Umkleide zurück ins Foyer. Dort wies eine Rezeptionistin gerade zwei neue Gäste in die Hotelanlage ein. Als sie fertig war, fragte ich sie nach der Massage und sie führte mich in den Keller. Wohin auch sonst? Ich frage mich, warum die Physio-Therapeuten und Masseure immer im Keller arbeiten müssen. Ich glaube, die Menschen, die diese Entscheidung treffen, lassen sich selber gar nicht gern massieren oder anfassen. Wenn dann die Überlegung kommt, wohin mit der Physiotherapie und Massage, kriegen die den letzten freien Platz zugeteilt: den Keller.

Dort erwartete mich ein riesiges Areal. Ich schätze, dass es mindestens 15 Behandlungsräume gab, an denen ich vorbeilaufen musste, bevor ich an den Empfang kam. Wie üblich gab es auch hier einen separaten Eingang, damit externe Gäste nicht wie ich erst durchs halbe Hotel laufen müssen, um zu ihrer Behandlung zu kommen. Am Empfang begrüßten mich gleich vier Therapeuten, die scheinbar gerade eine Lücke hatten und sich ein lustiges Video auf YouTube anschauten.

Ich fragte nach einem Termin. Ich wurde gefragt, wie lange ich denn noch hier sein würde. Morgen um 17h wär noch was frei. Und heute? Hmm, kurze Überlegung. Eine junge Therapeutin kam dazu und sagte, dass sie zwar gleich Feierabend hätte, aber eine Massage noch passen würde, wenn ich jetzt sofort behandelt werden wollte. Jippie!

Die Massage war ein Traum. Die Frau hatte geniale Hände und massierte mir alle Schmerzen aus dem Rücken. Bei der anschließenden Kreide-Packung wär ich fast eingeschlafen. Danach war die Sauna natürlich noch angenehmer. Ich blieb noch, bis mich so kurz vor sieben der Hunger packte. Auf dem Weg zum Hotel holte ich mir im kleinen Supermarkt an der Ecke noch eine Flasche Weißwein und einen Korkenzieher für später.

Heute wollte ich unbedingt Fisch essen. Ich machte mich in meinem neuen Zimmer schnell ausgehfertig, legte den Wein ins mit kaltem Wasser gefüllte Waschbecken und spazierte erst einmal zum Nordstrand. Vom Ort musste man erst durch den steil abfallenden Kur-Garten, um an die Strandpromenade zu gelangen. Dort gab es leider nur entweder überteuerte Restaurants oder billige Frittenbuden. So spazierte ich an der Promenade entlang, bis ich den Ortsrand erreichte.

Also wieder steil hoch auf die Hauptstraße. Dort auch nur die üblichen Verdächtigen, die ich gestern Abend schon erkundet hatte. Ungefähr auf der halben Strecke zurück zum Hotel ging es nach Osten ab und noch einmal steil hinauf. Ich folgte der kleinen Straße und kam noch an ein paar kleinen Hotels vorbei. Zum Schluss machte die Straße noch einen scharfen Bogen und führte zurück zur Hauptstraße.

Die Gaststätte „Zum Leuchtfeuer“ – Lecker Fisch

Auf der Höhe entdeckte ich ein kleines Restaurant mit Aussichts-Terrasse mit dem Namen „Zum Leuchtfeuer“. Genau das, was ich gesucht hatte. Die Terrasse war um diese Uhrzeit gut besucht, aber für mich gab es noch einen Tisch. Ich bestellte die gemischte Herings-Platte. Günstig, ohne Gräten und sau-lecker! Dazu eine Cola, denn ich fühlte mich etwas unterzuckert vom ganzen Sport und der Sauna.

Den Abend ließ ich auf meinem Balkon mit Meeresblick ausklingen. In der Kneipe gegenüber lief Deutschland gegen Dänemark. Nicht sonderlich spannend aber die Deutschen haben mit ihrer B-Elf wohl ganz anschaulich gespielt. Irgendwie habe ich es geschafft, den Korkenzieher schon bei der ersten Flasche Wein abzubrechen. Den Korken bekam ich zwar noch raus gehebelt, das Gerät konnte man danach aber vergessen. Egal, der Wein war lecker und der Schlaf danach umso fester.

Der große Kater

Was soll ich schreiben? Deutschland spielt nicht im Finale! Und hier war die Hölle los…

Dienstag war ich erst mit Francesco im Schwimmbad. Danach habe ich mich fein gemacht und wir sind nach Sesto Fiorentino – einem Vorort von Florenz – gefahren, wo die Leute von Francescos Verein in einem Park eine Leinwand mit Bar und Sitzen davor aufgebaut hatten. Vor, während und nach dem Spiel gab’s Musik –Swing, Canti Italiani und Ähnliches – und generell war da auch ganz gut was los. Ich hatte erwartet, dass es auch was zu essen gibt und hatte vorher noch nichts im Magen, aber sie hatten dort nur einen kleinen Aperitivo: Nachos, Oliven, saure Gürkchen, eingelegte Tomaten etc. Sehr lecker, aber nicht sehr sättigend, und ich brauchte doch eine Grundlage! Und die Longdrinks hatten es dort auch gut in sich!

Ich hatte mein Italien-Shirt drunter und das Deutschland-Trikot darüber angezogen. Francesco und ich waren dort die einzigen, die für Deutschland hielten. Ich hatte aber immer die guten Aktionen beider Mannschaften beklatscht – was mir das Gelaechter meiner Sitznachbarn einbrachte („Grande Cannavaro“ und „Super-Lehmann“) – während Francesco behauptete, er könne für diese Italienische Mannschaft nicht jubeln (zu viel Juve und Skandal im Spiel – Juve soll wahrscheinlich in die dritte Liga Zwangsabsteigen). Bis zur 119. Minute sah es so aus, als ob das Spiel meinem Empfinden entsprechen würde, und dann: PENG – PENG! Doppel-Klatsche! Grosso, Del Piero – aus! Ich war wirklich schockiert! Kein „It’s your Heimspiel“ mehr und kein 4. WM-Titel für Deutschland! Francesco war außer sich. Er trat einen Plastikstuhl so heftig, dass er bestimmt zwanzig Meter weit flog. Die Italiener konnten sich auch nicht mehr halten. Die DJs legten auf und wirklich alle (außer Francesco – selbst Giuglia konnte den armen Mann nicht trösten) tanzten wie verrückt auf dem Rasen herum und betranken sich an ihren Gefühlen.

Francesco montierte später seine Fahne trotzig an seinem Dachgepäckträger und fuhr mit uns in die Stadt. Das brachte uns in mehrere brenzlige Situationen, als alkoholisierte Italiener versuchten diese zu klauen und zu verbrennen. Zum Glück hatte ich mein Italien-Shirt an! Francesco fuhr erst Giuglia und ihre Cousinen nach Hause und ließ sich dann von mir überreden, noch ins Zentrum mitzukommen und den Italienischen Sieg zu feiern. Wir trafen uns mit den anderen Deutschen in einem Pub, tranken ein paar Longdrinks und zogen mit zig-tausenden jubelnden und grölenden Italienern durch die Straßen von Florenz. Francesco verabschiedete sich gegen halb drei (glaube ich), weil er gestern trotz allem arbeiten ging. Ich „musste“ bis 7 Uhr durchfeiern, weil um acht Handwerker zu uns kamen. Mit weiteren zwei Flaschen Weiß-Wein und genug feierfreudigen Menschen in der Stadt war das auch kein Problem.

Stark alkoholisiert trat ich gegen halb acht meinen Heimweg an. In den Bars frühstückte die arbeitende Bevölkerung und schüttelte nur den Kopf über einen mit glasigen Augen im Zickzack laufenden Tifoso, der – weil es schon so warm war – sein Italien-Shirt geschultert hatte und früh am Morgen seinen prächtigen Bauch der Öffentlichkeit präsentierte… Im Bus traf ich Marianna, unsere Putzfrau, die auch nur lachte, als ich ihr erzählte, warum ich so früh noch unterwegs war. Zu hause warteten auch schon die Handwerker auf mich. Ich ließ sie rein und legte mich auf die Couch, auf der ich innerhalb kürzester Zeit friedlich einschlummerte. Zum Glück schaute unser Nachbar ab und zu nach dem Rechten – ich war dazu nicht mehr in der Lage. Ach ja, und Mena rief gegen 9 an. Sie hatte sich Sorgen gemacht, weil ich noch nicht zurück war, als sie aus dem Haus ging. Sie hatte schon bei Bruna im Büro angerufen, und gefragt, ob der Francesco bei der Arbeit wär – sie arbeiten ja zusammen – und der hatte ihr zum Glück gesagt, dass sie sich keine Sorgen machen solle, mir würde es gut gehen.

Gegen 12 kam dann Marianna und ich konnte endlich ins Bett. Die Handwerker hauten um eins ab, ich schlief nur bis um zwei, und traf mich dann mit Francesco wieder im Schwimmbad, wo ich noch ein bisschen in der Sonne ratzte. Mir ging es den ganzen Tag lang so übel! Ich hatte einen Riesen-Kater und konnte bis zum Nachmittag keine feste Nahrung zu mir nehmen. Selbst der Konsum von kaltem, klaren Wasser bereitete mir ein flaues Gefühl im Magen. Aber ich hatte ja auch gut gebechert: Einen halben Liter Bier, insgesamt vier ganz schön ordentlich gemixte Wodka-Lemon und zum Schluss ungefähr noch eine Flasche Wein. Eine ungesunde Kombination!

Viel mehr war nicht. Doch! Ich hab endlich meine Fotos abholen können nach dem Schwimmbad. Sie waren tatsächlich fertig! Ich hab sie auch direkt eingescannt und stell sie gleich auch in die Galerie… Danach noch ein Abendessen bei Bruna und Mario mit interessanten Meeresfrüchten in der Pasta und Muscheln hinterher – ich weiß nicht, wieso mir da nicht wieder schlecht wurde, aber ich konnte das Alles ohne Probleme essen – und das zweite Halbfinalspiel auf Großleinwand. Schade, ich hätte gerne Portugal im Finale gesehen. Wer weiß jetzt, wie die WM ausgeht? Vorher war klar: Wir sind Weltmeister, aber jetzt? Kommt immer Alles anders als man denkt…

Jetzt sind wieder die Handwerker da, aber ich war ja früh im Bett und konnte ohne Probleme um 8 die Tür aufmachen. Ist erstmal nix mit innerem Wecker. Morgen vielleicht wieder…

So, eine Woche noch, Jungs und Mädels! Dann geht’s wieder zurück in die Heimat. Kein Lampredotto und kein dolce Vita mehr. Dann gibt’s wieder gute deutsche Kost und deutsche Ordnung. So wie ich nun einmal bin und ihr mich kennt 😉 Aber eins muss ich sagen: Die Italienische Bahn ist pünktlich. Trotz dolce Vita und akademischer Viertelstunde! Nicht so wie unsere DB…

Halbzeit

Halbzeit! Was soll ich sagen? Wie immer vergeht die Zeit viel zu schnell. Dieses Leben hier gefällt mir sehr gut, wobei ich natürlich bedenken muss, dass ich hier weder arbeite noch einen eigenen Haushalt führen muss. Ich helfe schon viel mit, wasche meine Wäsche, spüle mein Geschirr, räume mein Zimmer auf usw., aber die Mena kocht und einmal die Woche kommt eine Putzfrau und putzt die ganze Wohnung. Trotzdem merke ich, dass mir die Distanz sehr gut tut. Die letzten Monate (und vielleicht auch Jahre) waren sehr voll; Beziehung, Freunde, Studium, Arbeit und viel mehr, da bin ich selber oft viel zu kurz gekommen. Jetzt blühe ich richtig auf und lebe! Und wenn ich nur mal ein paar Stunden irgendwo im Schatten liege und ein Buch lese, oder am Rollenspiel rum feile, ist es für mich eine wahre Energiequelle. Das hätte ich nicht so stark erwartet. Vielleicht sollte ich das regelmäßig machen, damit ich immer wieder volle Reserven hab!

Gestern habe ich einen puren WM-Tag eingelegt. Diese Woche versuche ich mal, mit Hilfe meines Weckers morgens schon um halb neun aufzustehen, um ein bisschen mehr vom Tag zu haben, weil man mittags ja leider nichts machen kann (außer in der Wohnung lesen und schreiben). Aber bisher hatte ich damit noch keinen Erfolg. Weder gestern noch heute konnte ich mich aus dem Bett quälen. Ich werde es weiter probieren, aber ich fürchte, es wird bei zwanzig nach zehn bleiben!

Aber weiter im Text: Nach einem gemütlichen Mittagessen, ein bisschen Körperpflege und kurzem Besuch im Internet bin ich mit Rucksack in die Stadt gefahren, um Brasilien zu gucken. Für die Großleinwand war’s entschieden zu heiß, deswegen bin ich in eine italienische Bar gegangen, wo gleichermaßen viel Brasilianer und Ghanaer saßen. Mittlerweile hat fast jede Bar SKY im Programm (man kann es auch nur für einzelne Spiele buchen) und so ist die Auswahl etwas größer. Auch ein paar Leinwände sind dazu gekommen. Die Stimmung war nett, aber natürlich nicht mit der Leinwand vergleichbar. Das Spiel war auch schön, aber ein bisschen zu einseitig für meinen Geschmack, obwohl die Afrikaner sehr gut mitgehalten haben, das mussten selbst die Brasilianer zugeben.

Danach bin ich für ein bisschen Sonne in die Cascine gelaufen, und hab am Arno-Ufer gelesen und geschrieben, und meine beiden Handtücher gegen die Ameisen verteidigt. Dann habe ich mir in der Nähe eine leckere Pizza Margherita geholt und bin mit dem Bus zur Leinwand gefahren. Was für eine Stimmung, wie viele Menschen. Ich würde fast behaupten, dass mehr Leute da waren, als beim Italien-Spiel, oder sie waren nur lauter. Es waren fifty-fifty Spanien- und Frankreich-Tifosi da, und wir erlebten eine sehr packende und bis zum Schluss spannende Partie mit einem wunderschönen Tor von Zidane. Ich traf mal wieder auf eine Gruppe Amerikaner – was auch sonst – und wir tranken noch ein paar Bier, bis sie mit ihrem Bus ins Hotel fuhren. Danach noch ein gemütlicher Fußmarsch nach Hause, ein Stündchen Buch lesen mit Enigma-Musik und gegen zwei schön in die Heia, um mal früh aufstehen zu können, aber wie gesagt: no chance!

Unerwarteter Besuch

Was für eine Überraschung: Maurizia – meine andere Tante aus Arrezzo – und ihre Familie waren hier. Mena und Lorenzo hatten sie im IKEA getroffen – der heute offen hatte – und sie zur Cena eingeladen. Spontan und eine große Freude für mich. Und für sie bestimmt auch!

Heute Morgen hat mich Francesco um viertel vor zehn aus den Federn geholt. (Ich sollte ihm vielleicht sagen, dass er das erst ab zwanzig nach zehn darf) Scheinbar hat er meinen Ruf gestern Abend gehört, denn er fragte mich, ob ich Lust hätte mit ihm ins Schwimmbad zu gehen. „Moment, nicht ans Meer?“ – „Ach so, verstehe, die Giuglia kommt mit!“ Aha, die Giuglia kommt mit! Also war die letzte Nacht erfolgreich. (Für ihn jedenfalls) Wir waren dann in einem Schwimmbad direkt am Arno, das sich „Bellariva“ nennt. Es kostet 6,50 Euro Eintritt, was ich viel (aber die Italiener wenig) Eintritt fand, dafür dass es nur ein 50m- und ein Planschbecken für die Kinder hat. Dazu eine Liegewiese mit vielen Bäumen – sehr wichtig wegen dem Schatten! – ein paar Umkleidekabinen und Toiletten, und natürlich eine Bar, die Panini und Bibite verkaufen. Aber schön war es schon. Giuglia ist 26, also zwölf Jahre jünger als Francesco, und kann auch gut deutsch sprechen. Wir haben uns dann gegenseitig aus der Zeitung vorgelesen – die beiden Deutsch, ich Italienisch – sind natürlich schwimmen gegangen, haben viel in der Sonne gedöst (ich hab viel gelesen und geschrieben), Pingpong gespielt, und so einen herrlichen Tag im Schwimmbad verbracht. Dort war es zwar voll, aber es war trotzdem genug Platz, ungestört in der Sonne oder im Schatten zu liegen. Und die Hitze der Stadt (immerhin 39°) konnte man so nah am Wasser auch viel besser ertragen.

Nachdem mich die beiden dann nach Hause gebracht hatten – und zu Francesco weiterfuhren – kam ich hier in einem Backofen an. Über dreißig Grad hatten wir in der Wohnung. Da die Sonne schon weit genug gewandert war, öffnete ich alle Fenster und ließ die Ventilatoren laufen, damit sie sich wenigstens ein bisschen abkühlen konnte. Ich verdrückte mich in mein abgedunkeltes Zimmer und machte es mir auf meinem Sofa bequem. Gegen halb acht kamen auch Mena und Lorenzo zurück von seiner Mutter-? wo sie wie gesagt jeden Sonntag hingehen – und erzählten, dass sie auf dem Rückweg noch beim IKEA gewesen waren. Dort hatten sie, wie schon erwähnt, die Maurizia mitsamt Gianni (ihrem Mann), Andrea und Emanuele (die beiden kleineren von meinen drei Cousins) und den Mario (den Mann von der Bruna) getroffen. Was für ein lustiger Zufall. Sie kamen alle so zwischen acht und halb neun vorbei, und wir hatten eine spontane, aber trotzdem sehr ausgiebige Cena auf unserer Terrasse. Ich habe mich richtig gefreut, sie alle wieder zu sehen. Mittlerweile waren es immerhin schon fast zwei Jahre, dass wir uns nicht gesehen hatten. Es gab Risotto, Kartoffeln und Tomaten, Brot mit Aufschnitt, Fisch-Frikadellen, Salat, Eis, Obst, Limoncello, Wodka mit Pfirsich und Mena‘s favorite: Pfirsiche in Weißwein! und natürlich jede Menge zu erzählen. Meine Cousins haben jetzt Ferien (für drei Monate!) und freuen sich schon auf Sardinien im August, die Eltern renovieren die Wohnung, die Nonna macht Terz, der Marco (der Älteste) arbeitet in einem Auto-Grill und die Maurizia feiert am 12.07 ihren Geburtstag. Mein Handy hat leider kein Bluetooth, sonst hätte ich jetzt ein paar coole italienische Klingel-Sprüche darauf. So verging der Abend; irgendwann dösten Maurizia und Gianni – den der Lorenzo immer schön geärgert hatte – auf der Terrasse, Emmanuele alberte mit dem Lorenzo rum, Mena hatte mich und Andrea unter ihren Fittichen und Mario – dessen Bruna momentan in Rom weilt – lehnte lässig am Geländer und war mental schon bei seiner Prüfung morgen. Er ist nämlich gerade dabei, ein Studium – ich hab vergessen, was – zu beenden. Dabei könnten seine Kommilitonen seine Kinder sein, und sein Professor sein kleiner Bruder, meinte er heute Abend.

Und was habe ich mal wieder vergessen? Ja, richtig: Foto machen. MANN! Morgen will ich den ersten Film zum entwickeln bringen, aber ich muss noch zwei, drei Fotos verballern. Schau‘n mer mal! A domani!

Kneipentour

Also, letzte Nacht! Wir kamen erst spät von der Bruna nach Hause, und so waren den ganzen Abend über die Fenster geschlossen gewesen. Dementsprechend stand die heiße Luft in der Wohnung, und wir machten alle Fenster zum Schlafen auf. Aber mit der kühlen Luft kamen natürlich auch – na? – die Mücken. Vier Stück an der Zahl nur in meinem Zimmer! Eine noch dazu im Bad und noch ein paar andere in der Wohnung verteilt. In dieser Nacht sollte die blutigste Schlacht von Florenz geschlagen werden. Der Schaden auf meiner Seite hielt sich in Grenzen, der Feind jedoch wurde vernichtend geschlagen. Um fünf Uhr morgens erst sollte ich den wohlverdienten Schlaf des tapferen Ritters schlafen. Mena und Lorenzo haben das Ganze gar nicht mitbekommen. Ich glaube Italiener werden generell nicht gestochen. Die Mücken stehen scheinbar eher auf das süße deutsche Blut…

Ich habe endlich einen APS-Film für meinen Fotoapparat gefunden. Beim superottico (dem Super-Optiker). Jetzt mach ich immer schön Fotos von den Orten, an denen ich mich aufhalte und werd die auch ins Netz stellen. Abends war ich mal wieder joggen und nach dem Spanien-Spiel (schade, dass Tunesien das 1:0 nicht halten konnte) hatte ich Lust auf ne Kneipentour. Die Christiane hatte mich auf die Idee gebracht.

Ich ging erst in eine Szene-Bar an der Piazza del Carmine, die mir Francesco empfohlen hatte. Hatte ich gesagt, 4,50€ für ein Bier wären unsportlich? Was haltet ihr von sechs Euro? Unglaublich! Na ja, war eh nicht viel los da. Ein bisschen Schiki-Micki-Publikum, die sich auf Französisch unterhielten, obwohl kein einziger aus Frankreich kam (très chic) und ein paar Pärchen, die wie ich das laue Wetter genossen. So zog ich weiter in ein Irish Pub, wo ganz ordentlich Stimmung herrschte. Dort lernte ich eine Gruppe Amerikaner kennen, die für ein paar Wochen in Florenz verschiedene Kurse (Geschichte, Fotografie, Kunst etc.) belegen, um Credits für ihr Studium zu sammeln und das dann prima mit Urlaub verbinden können. Ein Mädchen fragte mich direkt, ob ich ein bisschen Kraut hätte. Ihr müsst wissen, dass die Amerikanischen Jugendlichen ziemlich viel kiffen. Sie denken, nur weil es in Holland legal ist, wäre es überall in Europa legal. Für sie ist Europa ein einziges Land und London die Hauptstadt, oder war es Paris? Oder Berlin? Nein Rom, oder? Obwohl, ein paar Amerikaner wussten ziemlich gut Bescheid. Vielleicht kommt es drauf an, ob sie vom Land oder aus der Stadt kommen. Die Texaner schienen auf jeden Fall am wenigsten gebildet zu sein. Mit der Gruppe zog ich auf jeden Fall noch ein bisschen durch die Stadt, holte mir beim McD am Bahnhof noch drei Hamburger (warum kosten Cheeseburger bitte 1,50?) und wanderte so gegen halb drei nach Hause.

Und heute hat mich dieser blöde innere Wecker schon wieder pünktlich viertel nach zehn aus meinen süßen Träumen gerissen!

Cascine

Sie wollte es so. Bei mir darf jeder machen, was er will. Sie hat es selbst so gewollt. Da kann ich auch nichts für. Jetzt ist sie tot.

Letzte Nacht nach dem Schreiben lag ich ganz unbedarft im Bett und hatte so das Buch in meinen Händen, da spürte ich plötzlich einen kaum wahrnehmbaren Schmerz auf dem rechten Oberschenkel. Geistesgegenwärtig haute ich zu und erwischte das Miststück voll auf die Zwölf. Die angebliche Kapitulation war wohl nur eine Finte gewesen, um mich in Sicherheit zu wiegen. Eine Nacht Ruhe und dann: Hinterhältiger Angriff, ganz unsportlich. Aber ich bin da schließlich kein Anfänger mehr. So nicht! Nicht mit mir!

Heute hat mich mein innerer Wecker (ist kein Witz) wieder pünktlich um zwanzig nach zehn aus den Federn geholt. Nach einem ausgiebigen Frühstück auf der Terrasse – Schoko-Müsli mit Pfirsichen, Nuti-Brot, Marmeladen-Croissant und Milchkaffee – schaffte ich es dann auch mal vor der Mittagspause aus dem Haus. Der Himmel war ein wenig bewölkt, aber die Mittagshitze drückte trotzdem ganz schön. So kam ich schon halb durchgeschwitzt um halb Eins im Centro TIM an, und konnte mir endlich eine Prepaid-Karte fürs Handy kaufen. Also, ab jetzt bin ich tagsüber (ab zwanzig nach zehn) unter folgender italienischer Nummer erreichbar:

0039-339-8859927

Die deutsche Karte werde ich nur noch abends einlegen, um eventuelle SMS zu lesen.

Die eine Stunde außer Haus hatte mich schon so müde gemacht, dass ich mich erstmal wieder in der dunklen, kühlen Wohnung verkroch, um ein bisschen am Rollenspiel zu arbeiten. Ich hab eben in den Nachrichten mitbekommen, dass das wohl der Scirocco-Wind ist, der so auf Italien drückt. In Sizilien haben sie schon fast vierzig Grad tagsüber! Aber die Mena hat es echt raus, die Wohnung kühl zu halten. Die macht morgens schon alle Fenster zu und die Rollläden runter, so dass die Sonne gar keine Chance hat, mit ihrer Wärme ins Innere zu gelangen. So haben wir hier auch mittags noch angenehme 24-25 Grad. Ich hab heute mitbekommen, dass es in Köln wohl wieder am regnen ist. Tja, perfekt geht wohl nie. Hier zu heiß, zu Hause regnet‘s. Verrückte Welt!

Heute Nachmittag bin ich wieder in die Cascine gepilgert. Diesmal nicht im Jogging-Dress sondern mit Handtüchern, Picknick, Musik, Buch und Ringbuch bewaffnet. Auf dem Weg hab ich noch versucht, nen APS-Film zu kaufen, aber der Fotoladen um die Ecke hatte nur die herkömmlichen, und in die Stadt wollte ich nicht laufen. Na, da werd ich wohl morgen früh noch schnell in die City flitzen, bevor mich der Francesco abholt. In den Cascine suchte ich mir dann ein schönes sonniges Plätzchen am Arno-Ufer, wo ich ungestört lesen und schreiben konnte. Na ja, so richtig ungestört war ich nicht. Immer wieder krabbelte und kroch es auf mir herum und ich nahm noch ein paar weitere kleine, juckende Insektenstiche mit nach Hause. Zum Glück haben Mena und Lorenzo ne gute Anti-Juck-Creme im Bad stehen.

In den Cascine blieb ich bis um Sieben, dann ging ich doch noch kurz in die Stadt, aber ein viel versprechender Fotoladen hatte schon zu und ein anderer hat wegen Ferien geschlossen. In der Hauptsaison? Viel mehr gab‘s heut nicht. Zum Abendessen hat die Mena lecker Omelette mit Mozzarella gemacht und Argentinien hat 6:0 gegen Serbien-Montenegro gewonnen. Morgen fahr ich mit Francesco ans Meer. Da freu ich mich schon riesig drauf. Und morgen Abend gibt‘s Italien gegen die USA garantiert auf Großleinwand!

Francesco

Ich weiß gar nicht, wie ich anfangen soll. Heute war echt ein erlebnisreicher Tag. Eigentlich wollte ich von den vielen Schwulen in den Cascine erzählen, aber dann saß so einer beim Abendessen direkt neben mir und wird mir in den nächsten vier Wochen Italienisch beibringen! Na gut, ich mach das ganze mal ein bisschen chronologisch!

Gestern Abend habe ich mich also auf den Weg zur versprochenen Großleinwand gemacht. War leider wieder Fehlanzeige. Auf dem Platz vor Santo Spirito gab es nur eine Bühne für Live-Musik. Hm, nicht so ganz, was ich gesucht hatte. Aber auf dem Weg dorthin lief ich an einem Irish Pub vorbei, das das Spiel zeigte. Das war nur ein paar hundert Meter entfernt, direkt zwischen Ponte Vecchio und Santo Spirito und nannte sich verheißungsvoll “Friends“. Das Bier gab es allerdings nicht zum Freundschaftspreis, sondern 0,4 Liter für unsportliche 4,50€. Da musste ich erst einmal schlucken. Ich stellte mich an einen Tisch zu einem Pärchen so um die dreißig, die, wie sich herausstellte, aus Polen kamen und gut deutsch sprachen. Im Laufe des Spiels merkte ich schnell, dass die anderen Trinkgenossen alle fast ausschließlich aus Deutschland kamen. Selbst das Pärchen an meinem Tisch wohnt in Hannover. Na ja, die Armen mussten in der letzten Minute alle WM-Hoffnungen der Polen platzen sehen. Und das obwohl der polnische Torwart doch so gut gehalten hatte und so ein drei oder sogar vier zu null verhindert hatte. Nach dem Spiel war dann leider mein Kleingeld ausgegeben. Ich nehme immer nur ein paar Euro mit in die Stadt, weil ich doch ein bisschen Respekt vor Taschendieben hab. Die Stadt ist schon ziemlich voll von Menschen – ist schließlich gerade Hauptsaison – und da muss man ein wenig vorsichtig sein. Von den anderen Deutschen hab ich erfahren, dass auf dem Piazzale Michelangelo hoch über der Stadt wohl tatsächlich eine Großleinwand stehen soll. Na, ich bin gespannt!

Mena und Lorenzo waren gestern Abend im Theater und kamen erst recht spät, sogar nach mir zurück, obwohl heute in Italien kein Feiertag war. Die Mücke hat gestern aus dem Waffenstillstand scheinbar eine bedingungslose Kapitulation gemacht. In der Nacht gab es jedenfalls keine Zwischenfälle mehr. Erst heute Abend auf der Terrasse wurde ich erneut gestochen. Mein innerer Wecker funktioniert prima. Obwohl die Sonne schon ziemlich früh von der Terrasse in mein Zimmer scheint, weckt er mich erst so gegen zehn, halb elf. Eine perfekte Zeit, um aufzustehen. Heute hab ich mir zum Mittagessen ein paar Tortiglioni mit Menas leckerer Tomatensoße von gestern Abend gemacht und auf der Terrasse mit angenehmem Chill- House verdrückt. Lorenzo kam schon so gegen zwei von der Arbeit und fuhr kurz darauf weiter zu seiner Mutter, die schon 93 Jahre alt ist (!) und ab und zu ein bisschen Hilfe gebrauchen kann. Die Mittagshitze hier ist einfach unerbärmlich, und so blieb ich dann auch bis kurz vor vier in der Verhältnismäßig kühlen Wohnung und schrieb ein bisschen für unser Rollenspiel.

Ich hatte mir vorgenommen, heute eine Prepaid-Karte von der italienischen Telekom für mein Handy zu kaufen, weil meine Eltern die auch von denen haben, aber das war leider nicht so ganz einfach. Die kleinen Läden hatten alle von eins bis um vier Mittagspause, aber so genau mit der Zeit nimmt das hier niemand, und so hatten die Geschäfte alle um kurz nach vier noch geschlossen. Da es aber noch viel zu heiß zum draußen warten war, ging ich in den großen Oviesse an der Piazza hier im Viertel, der keine Mittagspause macht, und schaute mir ein paar Oberteile an. Eigentlich wollte ich mir noch nichts kaufen, weil ich ja noch ein bisschen hier bin, aber da gab es ein Hemd, das musste ich einfach anprobieren, und so bin ich froh, dass ich mit zwei nicht ganz vollen Taschen angereist bin. Da wird sicherlich noch mehr folgen. Um viertel nach Vier hatten dann die Läden auf, nur leider verkaufte der eine Telefonladen nur Vodafone und der zweite nur Wind, aber die Dame sagte mir zum Glück, wo ich einen Laden finden würde, der auch TIM (Telecom Italia Mobile oder so ähnlich heißt das) verkauft. Aber der hatte leider auch um kurz vor halb fünf noch nicht offen, und so kaufte ich mir eine Flasche Cola im Tabacchi nebenan und wartete in der immer noch prallen Sonne auf den Ladenbesitzer. Als der halbe Liter bereits wieder ausgeschwitzt, der werte Herr um kurz vor fünf immer noch nicht anwesend und meine Füße schon von Verbrennungen fünften Grades gezeichnet waren, entschloss ich mich dann doch, wieder nach Hause zu gehen.

Meine Tante, die inzwischen auch von der Arbeit gekommen war, nahm mich mit zum Einkaufen in den COOP um die Ecke. Dort kauften wir die Zutaten für den Festschmaus heute Abend und ein paar Köstlichkeiten für mich: Schoko-Müsli, gefüllte Croissants und Nutella fürs Frühstück. Im COOP haben die ein interessantes System. Wenn man sich registrieren lässt, kann man am Eingang ein kleines Gerät ausleihen, mit dem man die Waren direkt beim Einladen in den Einkaufswagen scannt. So sieht man direkt, wie viel man zahlen muss und an der Kasse gibt man einfach das Gerät ab und zahlt den Einkauf, den man bequem im Wagen lassen kann. Kontrolliert wird das wohl nur durch Stichproben.

Nach dem Einkauf bin ich dann zum ersten Mal Laufen gegangen. Mena hatte mir hierfür die Cascine empfohlen, ein großer Park direkt am Arno und ca. 3 km von der Wohnung hier entfernt. Die Cascine sind ein bekannter Treffpunkt für Homosexuelle, und so liefen mir dutzende gut gebaute, absolut stylische junge Bengel entgegen, die hier scheinbar auf Beutezug waren. Na ja, vielleicht waren die nicht alle schwul, und das ist nur ein italienisches Phänomen, denn selbst die vielen Frauen, die sich dort sportlich betätigten waren im neuesten Trend. Überall sah man nur Muskelshirts (wenn überhaupt), bauchfreie Sport-Tops, hochgebundene Sporthosen, MP3-Player um den Oberarm und wirklich jeden zweiten Sportler mit Handy in der Hand oder Bluetooth im Ohr am Telefonieren. Unglaublich! Da bin ich als Normalo richtig aufgefallen, mit 0-8-15- Laufdress und vier Jahre altem MiniDisk-Spieler. Und ein Tempo hatten die drauf! Selbst die alten Opas (auch größtenteils mit Handy) zogen mich locker ab. Na gut, die sind wahrscheinlich auch die Hitze gewohnt, die trotz sieben Uhr abends immer noch über den Straßen flimmerte.

Bruna (die Cousine meines Vaters) und Mario (ihr Mann), die heute zum Abendessen kamen, wohnen direkt gegenüber den Cascine am anderen Arno-Ufer. Mena hatte arrangiert, dass ich nicht durch die versmogte Stadt zurücklaufen musste und von den beiden mitgenommen wurde. So war ich das erste Mal bei ihnen zu Hause und genoss eine kühle Dusche mit Arno-Blick. Wirklich sehr nette Wohnung….

Ich merke schon, heute wird‘s viel!

Zur Cena kam auch noch Francesco, der junge Mann, der mir in den nächsten Wochen Italienisch beibringen wird. Moment, habe ich junger Mann gesagt? Der ist ja schon ein alter Sack. Ich dachte, der wär‘ ein Student! Dabei ist er ein ehemaliger Arbeitskollege von der Bruna und fast genauso alt. Na, die beiden verstehen sich jeweils prächtig. Meines Erachtens ist er hochgradig schwul und erinnert mich stark an einen Professor des Bauingenieurwesens in Köln. Aber ich will mich nicht beschweren, der macht ‘nen sehr sympathischen Eindruck. Am Samstag will er mich mit ein paar seiner Freunde ans Meer mitnehmen und danach mit uns Italien auf Großleinwand gucken. Klingt doch gut.

So saßen wir sechs also auf der Terrasse mit Domblick (Nee, nee Marie, ist das nicht schön! … Fehlt bloß noch vom Balkon, die Aussicht auf den Dom) und ließen es uns gut gehen. Bruna hatte den Primo Piatto „Pasta con Sugo alle Verdure“ mitgebracht, und Mena den Secondo „Schnitzel e Fenchel fritti con Zucchine al forno“ und den Terzo „Pesce à vino biancho e torta di fragole“ vorbereitet. Dazu gab‘s Vino Rosso und hinterher einen Limoncello und einen Caffè. In Italien gehört Essen zum Leben dazu und man isst nicht einfach irgendwie. Selbst gestern beim Abendessen zu dritt fragte mich die Mena, ob ich wirklich schon nach dem Primo Piatto (Pasta) genug hätte und war erst zufrieden, als ich noch etwas Mozzarella und Salame gegessen hatte. Als ob in Deutschland jemand fragen würde, ob man wirklich schon nach den Nudeln genug hätte und ob man den Hauptgang wirklich verschmähen wollte.

So sieht‘s aus! Jetzt hab ich fast zwei Stunden geschrieben und es ist schon Freitag. Noch ein bisschen Lesen und dann bis um zehn pennen. Ich freu mich auf die kommende Zeit! Gute Nacht!