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Jedes Brandopfer ist eins zu viel

In den letzten Tagen ist mir diese Plakatwerbung ins Auge gestochen:

Beworben wird hier zwar die Rauchmeldetechnik der Firma ABUS, aber irgendwie muss ich bei diesem Spruch unweigerlich an die vielen Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland denken.

Ja, JEDES Brandopfer ist eins zu viel! Nicht nur wenn es ein blondes deutsches Mädchen wie auf dem Bild ist 😉

Ich bin Multikulturell – und das ist auch gut so!

Liebe besorgte Bürgerinnen und Bürger,

seit zwei Jahren schreit ihr auf unseren Straßen eure Wut in die Welt, weil ihr Angst habt, von den Flüchtlingen in Deutschland bedroht zu werden. Ihr fürchtet euch vor der Islamisierung des Abendlandes und glaubt, die Realisierung einer rein christlich-abendländische Gesellschaft (wie auch immer diese in eurer Vorstellung aussehen mag) wäre die Lösung für alle eure Probleme.

Ich werde diesen Beitrag heute einmal, anders als üblich, ohne Fakten hinterlegen, sondern stattdessen über meine persönlichen Gefühle sprechen. Das sollte in eurem postfaktischem Interesse sein, richtig?

Zuerst einmal möchte ich euch erwidern:

„Ich heiße ganz pauschal ALLE Menschen, die in unserer Gesellschaft Zuflucht suchen, ganz herzlich willkommen!“

Ja, darunter gibt es ganz bestimmt auch ein paar Arschlöcher, so wie in jeder Gesellschaft. Deshalb möchte ich hinterherschieben:

„Ich lehne ganz pauschal ALLE Menschen ab, die Schaden in unserer Gesellschaft anrichten wollen!“

Unter meinen Vorfahren gibt es eine Reihe von Flüchtlingen und Migranten. Drei Migrationen waren sogar entscheidend dafür, dass es mich gibt:

  1. Mein Ur-ur-ur-Großvater war ein Wirtschaftsflüchtling. Er ist im 19. Jahrhundert vor Hunger und Armut in Irland geflüchtet und hatte die Chance, sich in den USA ein neues Leben aufzubauen und wohlhabend zu werden.
  2. Meine Oma ist ein Kriegsflüchtling. Sie ist 1945 vor Krieg, Plünderung und Vergewaltigung aus dem Sudetenland geflüchtet und hatte die Chance, sich im Rheinland ein neues Leben aufzubauen und wohlhabend zu werden. Außerdem erhielt sie die Gelegenheit, mehrere Jahre in den USA zu leben und zu arbeiten und dort sogar einen Amerikaner mit irischen Wurzeln zu heiraten.
  3. Mein Vater ist ein Immigrant. Er ist seiner Liebe aus Italien gefolgt und hatte die Chance, im Rheinland ein neues Leben aufzubauen, wohlhabend zu werden und hier sogar eine Deutsche mit sudetischen und irisch-amerikanischen Wurzeln zu heiraten.
Meine persönlichen Flüchtlingsströme

Meine persönlichen Flüchtlingsströme

Ich selbst lebe in einem multikulturellen Umfeld. Meine Familie also ordentlich durchmischt, meine Freunde und Arbeitskollegen stammen von allen Kontinenten. Meine Reisen gehen gerne ins Ausland, mein Essen kommt aus allen kulinarischen Ecken der Welt. Mein Smartphone ist koreanisch, mein Hybrid ist japanisch. Und zur Arbeit fahre ich mit der in England entwickelten Eisenbahn.

Und wie profitieren wir doch von den offenen Grenzen in Europa! Kurztrip nach Paris, Junggesellenabschied in Amsterdam, Sommerurlaub in Spanien oder Italien, Party in Bratislava? Ohne Visum oder Grenzkontrolle hin, noch nicht einmal Geld wechseln muss man. Gibt es irgend jemanden, der daran zweifelt, dass das gut ist?

Ich kann und will mir gar nicht vorstellen, eingezäunt in einer „völkisch rein deutschen“ Gesellschaft leben zu müssen. Dieser Begriff erscheint mir auch völlig absurd. Was soll das sein? Welches Volk ist denn das wahre deutsche? Die aus den Niederlanden stammenden Friesen und Sachsen?  Die aus Frankreich eingewanderten Franken und Schwaben? Die aus Österreich stammenden Bayern? Oder tatsächlich die schon immer im Herzen Deutschlands angesiedelten Thüringer?

Vielleicht erloschen die echten Deutschen aber schon vor 30.000 Jahren, als sie von den damaligen Immigranten „homoisiert“ wurde – also als die aus Afrika stammenden Homo sapiens den Düsseldorfern Homo neanderthalensis den Schädel einschlugen und sich in ihren Siedlungsgebieten breitmachten.

Stammen wir Deutschen somit also ALLE von gewalttätigen Immigranten ab?

So ein Quatsch, natürlich… Und ich erlebe die heutige deutsche Kultur, die aus so vielen internationalen Einflüssen besteht, als ein großes Geschenk. Fast täglich bin ich für meine Projekte in NRW unterwegs und genieße die besten Seiten der hier angesiedelten Nationalitäten. Die vielen Italiener und Türken in Köln, die Japaner und Griechen in Düsseldorf, die Polen im Ruhrgebiet und all die vielen anderen Bereicherungen – vor allem für meine Mittagspause.

Currywurst mit Pommes - ohne ausländische Zutaten bliebe nur die Wurst übrig

Currywurst mit Pommes – ohne ausländische Zutaten bleibt nur das Schwein übrig

Ich bin froh darüber, in einer solchen Multi-Kultur leben zu dürfen und ich verfluche jeden Einzelnen, der diese Kultur nicht bereichern, sondern zerschlagen will!

Und ich möchte nicht länger zu einer schweigenden Mehrheit gehören, die die immer mehr werdenden rassistischen Arschlöcher in Deutschland ignoriert.

Und deshalb rufe ich diesen rassistischen Arschlöchern zu:

Ihr seid nicht das Volk! Ihr seid nicht das Volk! Ihr seid nicht das Volk!

Ihr seid eine Schande für unsere Gesellschaft! Geht nach Hause und weint, aber belästigt nicht den Rest der Menschen in unserem Land mit euren Phobien, eurem Fremdenhass und eurer Gewalt!

Und wenn du diesen Text gelesen hast und ähnlich denkst wie ich, dann teile ihn. Oder werde selber laut und zeige der Welt wie du denkst!

Lasst uns eine lautstarke Mehrheit in diesem Land werden und allen sagen:

Wir sind ganz und gar multikulturell – und das ist auch gut so!

Flüchten muss entkriminalisiert werden

Die Tragödie vor Lampedusa vergangene Woche hat ein wichtiges europäisches Thema wieder in unser Gedächtnis zurückgerufen: Die EU-Flüchtlingspolitik. 500 Menschen scheiterten einmal mehr bei dem Versuch in einem völlig ungeeigneten Boot das Mittelmeer von Lybien aus nach Italien zu überqueren. Wie Überlebende des Unglücks berichteten, hatten die Schleuser, nachdem ihr Boot kurz vor Lampedusa auf Grund gelaufen war, die Passagiere mit Peitschenhieben ins Wasser getrieben, obwohl viele von ihnen nicht schwimmen konnten. Auf dem kurzen Stück zwischen Boot und Insel ertranken vermutlich weit über 300 Flüchtlinge. Nur etwa 150 konnten gerettet werden. [1], [2]

Natürlich sind diese 500 Menschen nur die Spitze des Eisbergs, der jenseits der europäischen Grenzen angetrieben kommt. Aus Afrika, dem Nahen Osten, dem Balkan und den ehemaligen Sowjetrepubliken versuchen es nach Angaben unseres Grenzschutzes Frontex jährlich etwa 150.000 Menschen auf die abenteuerlichsten Arten und Weisen in das gelobte Europa zu gelangen. Sie fliehen vor Bürgerkrieg, Rassismus, politischer und religiöser Verfolgung, oder einfach nur aus Armut, Hunger und Durst. [4]

Illegale Grenzübertritte 2011

Illegale Grenzübertritte 2011 [4]

Nach dem aufsehenerregenden Ereignis vergangene Woche sahen nun aber auch die EU-Innenminister endlich Handlungsbedarf. Man war sich schnell einig, dass es mit der Flüchtlingspolitik so nicht weitergehen konnte. Vor dem arabischen Frühling konnte man schließlich noch ungeniert die nordafrikanischen Diktatoren fürstlich dafür entlohnen, die Flüchtlinge abzufangen, einzusperren oder umzubringen. Doch diese Zeit ist nun zum Glück (vorübergehend) vorbei.

Neue Lösungen mussten also her und man durfte hoffen, dass die EU nun endlich einen humaneren Kurs einschlagen würde, der sich mit dem Leid der Menschen auseinandersetzt anstatt Europa weiter einzuigeln. Doch genau das Gegenteil war der Fall. Die Neuausrichtung der EU-Flüchtlingspolitik scheiterte am Widerstand mehrerer Staaten, vor allem Deutschland. Innenminister Friedrich bediente erwartungsgemäß die Stammtische in seiner bayerischen Heimat mit platter und inhaltsleerer Polemik, wie wir es von konservativen Politikern gewohnt sind: „Unser Boot ist voll.“ [3]

Nein, lieber Herr Friedrich. Die einzigen Boote, die wirklich voll sind, sind die Flüchtlingsboote!

Jetzt soll mit der Erhöhung der Finanzmittel für Frontex vor allem der Grenzschutz verstärkt werden. Diese belaufen sich momentan auf etwa 100 Millionen Euro pro Jahr. Jetzt soll also noch mehr Steuergeld für Schiff-, Flugzeug- und Satellitenüberwachung des Mittelmeers und anderer Grenzabschnitte ausgegeben werden. Womit die Routen der Flüchtlinge natürlich noch abenteuerlicher und die Fluchtversuche noch häufiger tödlich enden werden. [4], [5]

Dabei ist es ohne große Anstrengung möglich, eine grundlegend andere Flüchtlingspolitik zu betreiben. Zur Zeit werden etwa 98,8% der Asylanträge abgelehnt. Bleiben 1.800 asylberechtigte Flüchtlinge übrig. Die restlichen 148.200 Flüchtlinge werden also momentan eh wieder in ihr Heimatland abgeschoben oder, wenn ihre Identität nicht mehr feststellbar ist, interniert. [6]

Selbst wenn wir die Kriterien zur Asylberechtigung für Europa minimal lockern und sagen wir mal großzügige 10% der Flüchtlinge dauerhaft bei uns aufnehmen, so kommt man jährlich gerade mal auf 15.000 Asylberechtigte, also zwei pro 100.000 europäischer Einwohner. Und das in einer Wohlstandsgesellschaft, in der 40% der Lebensmittel weggeschmissen und Autos mit Trinkwasser gewaschen werden. [7], [8]

Wir haben unseren Wohlstand doch nur durch die kontinuierliche Ausbeutung der dritten Welt erreichen können. WIR haben immer wieder menschenverachtende Regime mit Geld und Waffen unterstützt und tun dies noch immer. WIR sorgen durch unseren Rohstoffhunger für weltweite Umweltverschmutzung und Naturkatastrophen, die zu verheerenden Dürren und entsprechenden Hungersnöten führen. Jetzt müssen WIR auch die Konsequenzen für unseren Lebensstil akzeptieren und wenigstens ein Minimum unseres Wohlstands mit den durch uns in Not geratenen Menschen teilen. Bei uns! [8]

Das Flüchten muss endlich entkriminalisiert werden! Es muss gesicherte Flüchtlingswege geben, ohne kriminelle Schleuser, ohne abenteuerliche Reiserouten, ohne Lebensgefahr!

Jeder Mensch muss ein Recht darauf haben, bei uns einen Asylantrag stellen zu dürfen, nicht erst, wenn er bereits illegal innerhalb unserer Grenzen gelangt ist. Niemand sollte seine Identität aufgeben müssen, um das Risiko einer Abschiebung vermeintlich zu verringern. Und niemand darf als „illegal“ bezeichnet werden.

Frontex muss abgeschafft werden. Stattdessen müssen die Asylanträge viel schneller bearbeitet werden. Die Lagerhaltung von Flüchtlingen kann doch nicht unser Ernst sein. Selbst unsere Hühner kriegen zur Zeit mehr Auslauf als diese armen Menschen. Und die dachten eigentlich, dass sie ihr Leid schon hinter sich gelassen hätten. Und die Unsummen, die wir Jahr für Jahr für unseren Festungswahnsinn ausgeben, könnten direkt in die Bearbeitung von Asylanträgen und die Integration in unsere Gesellschaft fließen. Über 100 Millionen verteilt auf 15.000 Asylberechtigte sind rund 7.000 Euro, die man für jeden Einzelnen Asylanten aufbringen könnte.

Schließlich müssen auch die Dublin-II-Verträge endlich der Vergangenheit angehören. Jeder Mitgliedsstaat hat gefälligst seine Last zu tragen. Nicht nur finanziell. Auch und vor allem das reiche Deutschland. Unsere Gründungsväter haben schließlich nicht umsonst den §16 Abs.2 in unserem Grundgesetz verankert. Darin steht: „Politisch Verfolgte genießen Asylrecht.“ Ja, bei uns in Deutschland! Vor unserer Haustür! Mitten unter uns!

Ja, und selbstverständlich müssen nicht berechtigte Asylbewerber von uns abgelehnt werden dürfen. Aber nicht schon auf dem Weg zu uns, indem wir ihnen Benzin und Lebensmittel auf ihren Booten wegnehmen. Mit einer Entkriminalisierung des Fluchtversuchs würden wir den Flüchtlingen ihren Druck und den kriminellen Schleusern endlich ihr Geschäftsmodell nehmen. Bieten wir den Flüchtlingen endlich ein faires Asylverfahren und nehmen wir Asylberechtigte mit offenen Armen bei uns auf. Teilen wir mit ihnen, was wir haben. Wir werden sehen, dass wir danach trotzdem nicht in Armut leben müssen.

Ich weiß, das klingt jetzt sehr idealistisch, aber vielleicht, nur ganz vielleicht, wenn wir aufhören würden, Geschäfte mit den Arschlöchern dieser Welt zu machen und uns wirklich einmal für Frieden und Gerechtigkeit, von Umweltschutz ganz zu schweigen, einsetzen würden – so richtig ernsthaft! Vielleicht wollen diese Menschen dann gar nicht mehr aus ihrer Heimat fliehen. Vielleicht gefällt es ihnen ja, in der Nähe ihrer Familien und Freunde in einem nicht ausgebombten Haus zu leben.

Ich könnte mir das vorstellen.

Quellen:

[1]    Schiffunglück vor Lampedusa (taz)
[2]    Fast 200 Tote bei Lampedusa-Drama (taz)
[3]    EU-Innenminister uneinig (Zeit)
[4]    Frontex (Offizielle Homepage)
[5]    Frontex (Wikipedia)
[6]    Deutsche Asylpolitik (extra3)
[7]    Europa (Wikipedia)
[8]    Studie über Lebensmittelverschwendung (Stern)