Kloutscore – Offener Brief an Joachim

You are effectively using social media to influence your network

Lieber Joachim,

du hast mich auf Twitter gefragt, ob und wenn nicht, warum ich nicht bei der Kloutscore mitmache.

Ich schreibe dir hier, weil meine Antwort nicht in 140 Zeichen passt. Ich schreibe dir offen, weil die Antwort ausführlicher geworden ist als geplant und weil ich Dinge anspreche, die ich gerne auch einmal offen ansprechen möchte.

Ich habe ein Problem damit, dass sich in der Piratenpartei immer häufiger diejenigen durchsetzen, die viel Zeit übrig haben, um in sozialen Netzwerken Werbung für sich selber machen zu können. Dadurch werden – wie du selber mit deiner Analyse feststellen konntest – bei internen Wahlen nicht zwangsläufig die besten Kandidaten gekürt, sondern generell die mit der meisten Zeit. Und dabei spielt es offensichtlich keine Rolle, welche weiteren Kompetenzen oder politischen Inhalte die Kandidaten mitbringen.

Profiteure dieses Umstands sind Studenten, Rentner, Arbeitslose, Beamte und alleinstehende Berufstätige (kann man sicherlich nicht pauschalisieren, aber ich hoffe die Denkrichtung ist klar). Selbstständige Unternehmer, vollzeitbeschäftigte Arbeitnehmer in einer Partnerschaft oder gar mit Familie können nur dann einigermaßen mit den anderen Gruppen mithalten, wenn sie entweder keinerlei anderen Hobbies, Ehrenämtern etc. nachgehen und/oder der Partner sich ebenfalls gleichermaßen in der Piratenpartei engagiert bzw. das eigene Engagement uneingeschränkt unterstützt. Ungebildete und/oder sozial schwache Menschen mit begrenztem (technischem und/oder intellektuellem) Zugang zu den sozialen Netzwerken haben in diesem System meines Erachtens überhaupt keine Chance!

Dadurch repräsentieren wir nicht einmal ansatzweise den Schnitt durch die Gesellschaft, sondern nur einige wenige gesellschaftliche Gruppen. Also nähern wir uns mit unseren Repräsentanten denen der etablierten Parteien immer weiter an und entfremden uns ebenso immer weiter von der tatsächlichen Gesellschaft. Da können wir noch so oft Chancengleichheit und soziale Teilhabe predigen. So lange wir intern diese Chancengleichheit und Teilhabe nicht leben, werden wir immer unglaubwürdiger und zu Recht nicht mehr von den Menschen als ihre politischen Vertreter gewählt.

Kleine unwichtige Randbemerkung: (Im ungünstigsten Fall könnte dieses System sogar dazu führen, dass jemand mit viel Geld einen Stab finanziert, der in seinem Namen massiv Werbung für sich in den sozialen Netzwerken betreibt, dadurch einen hohen internen Status erlangt und in eine Spitzenposition gewählt wird. Bei 2% Zustimmung ist das nicht besonders lukrativ, aber bei 13%, die wir im vergangenen Jahr vorübergehend hatten durchaus vorstellbar.)

Ich persönlich habe, wie du weißt, momentan keinerlei Ambitionen ein weiteres Amt oder Mandat für die Piratenpartei auszuüben. Ich tue mich zurzeit auch echt schwer, meinen Kopf, z.B. bei der DADINA für die Piraten hinzuhalten. Es gibt viele Punkte, besonders in unserem Kreisverband, die mich abschrecken und mich daran zweifeln lassen, ob ich Politiker (bei den Piraten) sein möchte, wenn dies bedeutet ein „normaler“ Politiker sein zu müssen, z.B. wenn es darum geht, dass persönliche Statements immer der abgestimmten Parteimeinung entsprechen muss, die immer häufiger nicht von der Basis sondern von der Parteiführung vorgegeben wird. Ich hatte mir von den Piraten eine andere politische Kultur erwartet, diese auch gelebt und bin im vergangenen Jahr eines besseren (oder schlechteren) belehrt worden. Wir schulden nach wie vor den Beweis, dass wir tatsächlich einen neuen Politikstil in das bestehende System bringen und nicht nur ein großes Stück vom bereits bestehenden Kuchen ergattern wollen.

Um auf deine Frage konkret zu antworten. Ich bin vollzeitbeschäftigter Arbeitnehmer. [Beliebiger Name] konnte ich zwar kurzzeitig davon überzeugen Mitglied in der Piratenpartei zu werden, aber sie ist durch den rauen Umgangston dermaßen verschreckt wurden, dass sie es noch nicht einmal ein halbes Jahr bei uns ausgehalten hat. Dementsprechend habe ich also zusätzlich noch einen Partner, der mein politisches Engagement nicht teilt. Ab dem Sommer haben wir dann auch noch unsere eigene kleine Familie, die viel Aufmerksamkeit von uns fordern wird. Und daneben übe ich (auch für die Piraten) diverse Ehrenämter aus und – ja! – ich habe auch neben der Piratenpartei noch andere Hobbies in meinem Leben.

Dementsprechend zähle ich mich selbst zur zweiten Gruppe, die ich oben aufgeführt habe. Ich habe schlichtweg keine Zeit, die sozialen Netzwerke ausreichend zu pflegen. Twitter nutze ich in der Regel nur, wenn ich von meinen Sitzungen berichte, Facebook hauptsächlich, um den Kontakt mit Freunden in aller Welt nicht zu verlieren. Und mein eigener Blog weiß glaub ich gar nicht mehr wie ich heiße 😀

Du siehst, mein Kloutscore liegt bei einer Skala von 1 – 100 wahrscheinlich im negativen Bereich. Und ich finde es etwas absurd, Zeit für ein Medium zu investieren, dass eine Aussage darüber trifft, welche Auswirkungen mein Gebrauch mit anderen Medien hat, für die ich eigentlich keine Zeit habe. Deshalb meine Antwort: Nein, ich nutze Kloutscore nicht. Aus den oben genannten Gründen 🙂

Ungeachtet dessen möchte ich dich ermutigen, weiterhin diese Analysen zu betreiben, weil sie eine hohe Aussagekraft besitzen.

Interessant finde ich zum Beispiel, dass alle Kandidaten, die wir in letzter Zeit aufgestellt haben, an Kloutscore teilnehmen. Es bedarf ja einer aktiven Handlung dazu. Das bedeutet für mich, dass sich die Kandidaten alle darüber im Klaren sind, dass sie die sozialen Netzwerke möglichst viel und effektiv nutzen müssen, um eine hohe Zustimmung bei Wahlen zu erhalten. Und im Umkehrschluss bedeutet das für mich auch, dass ein Kandidat, der Kloutscore nicht nutzt, keine Chance innerhalb der Piratenpartei hat!

Was mich nach wie vor aber ermutigt, mich für die Piraten zu engagieren sind Menschen wie du, die Ideale haben und dafür kämpfen. Ohne Menschen wie dich in der Piratenpartei wäre ich längst wieder passives Gesellschaftsmitglied und würde wie früher über „die da oben“ schimpfen anstatt selber zu versuchen es besser zu machen.

In diesem Sinne grüße ich dich ganz herzlich und wünsche dir weiterhin viel Mut und Ausdauer!

André

Dieser Beitrag wurde unter Politik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Kommentare zu Kloutscore – Offener Brief an Joachim

  1. Hallo André!

    Danke für den langen Post, ich dachte nicht daran, mit meiner Frage so viele Gedanken auslösen zu können. Entschuldige bitte, falls ich dich damit von anderen Sachen abgehalten habe.
    Vielen Dank für Kritk und Lob, ich schätze dich wirklich sehr.

    Ich fragte allerdings nicht, ob du Klout selbst nutzt. Ich fragte lediglich, ob du etwas dafür getan hast, dich dort zu sperren. Einfach weil ich neugierig bin, wie das Ding funktioniert, was es tut. Denn ich habe deinen Score nicht mehr gefunden.

    Ich schulde definitiv noch einen längeren Blogpost über das Thema, andererseits möchte ich irgendwie warten, bis alle AVs rum sind, um nicht zu viel zum Verzerren einzuladen.
    Zunächst mal so weit:
    Man muss nicht aktiv an Klout teilnehmen. Wenn man öffentlich soziale Netze verwendet, dann hat man nach einer gewissen Zeit einen Score. Es sei denn, man meldet sich aktiv ab. Insofern kann ich den Schlussfolgerungen daraus nicht ganz zustimmen. Andererseits sieht man, wer da aktiv angemeldet ist, und also zumindest mal selbst geschaut hat, wie es denn aussieht. Und das sind tatsächlich die mit einem höheren Kloutscore (jenseits der 60) zu einem sehr großen Anteil.
    Es hat nur sehr wenig mit der Quantität zu tun. Genau deshalb schaue ich ja zu Klout und nicht zu Sexypirates.org, wo nur nach Followern, Online-Alter und Tweetanzahl (pro Zeiteinheit) geschaut wird, wohin die Presse auch manchmal schaut, und was eben genau nur die Schlüsse zulässt, die du kritisierst.
    Klout hingegen nutzt Methoden (ich vermute, ähnlich wie Google zum sortieren), um genauer zu bewerten, näher an etwas Qualitatives zu kommen, wie das auch immer definiert sei.
    Prominente mit sehr hohen Kloutscores haben idR. vergleichsweise wenige Tweets oder Beiträge und scheinen nicht unbedingt viel Zeit dafür zu verbraten. Sie haben aber viele echte und nicht gekaufte Follower, potentiell auch „hochwertige“, die eben auch viel darauf reagieren.
    Der Papst bekam mit seiner handvoll Tweets aber Millionen von Followern ruck-zuck eine höhere Kloutscore als @afelia. (Die haben jetzt die Tweets des Vorgängers gelöscht, der neue fängt neu an, der Score läuft aber weiter.) Es kommt auf die Anzahl derer an, die reagieren, retweeten, mentionen oder faven, und dann wiederum deren Score. Genauer verraten die das natürlich nicht.
    Negativen Score gibt es nicht.

    • atvolution sagt:

      Hallo Joachim,
      du schreibst „Man muss nicht aktiv an Klout teilnehmen.“ Das stimmt so nicht. Ich habe mir die Seite gerade angeschaut. Dort heißt es explizit „Sign up for Klout!“ Man muss sich also zumindest mit seinem Account eines sozialen Netzwerkes dort verbinden, sonst funktioniert es nicht.
      Viele Grüße,
      André

  2. Um reinzuschauen, ja. Ich sehe aber auch Scores von Leuten, die nicht angemeldet sind.

  3. Carsten sagt:

    Hi,

    bin erst jetzt auf eure Diskussion gestoßen, kann aber Joachims Aussage nur bestätigen: Auch Menschen ohne Klout-Account bekommen eine Klaut-Bewertung – hier meine (und ich hab da definitiv keinen Account!):

    http://klout.com/carstenbuchholz

    Ich habe die Seite zwar nicht per Suchmaschine finden können, aber mit
    http://klout.com/%5Bsocialmedia_username%5D funktioniert es.

    Ob ich das gut finde, weiß ich noch nicht.

    Ansonsten stimme ich André aber voll zu: Bei den Piraten dominieren die Menschen mit viel Zeit. Nicht nur die Aktivitäten, sondern auch die Inhalte. Das ist m.M. weder gut, noch mit den Ansprüchen der Piraten zu vereinbaren. Daran sollten die Piraten arbeiten.

    Andererseits muss ich auch sagen: Es ist bei den Piraten noch zumindest einfacher und zeitlich unaufwendiger sich inhaltlich einzubringen als bei anderen Parteien. Das ist jedoch lediglich technisch begründet und schmilzt langsam ab.
    Das Delegationsprinzip der anderen Parteien ermöglicht jedoch ein höheres Maß an tatsächlicher Mitbestimmung für Leute, die wenig Zeit haben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.