{"id":92,"date":"2006-06-15T17:41:56","date_gmt":"2006-06-15T16:41:56","guid":{"rendered":"http:\/\/atvolution.de\/?p=92"},"modified":"2012-01-03T17:52:34","modified_gmt":"2012-01-03T16:52:34","slug":"francesco","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/atvolution.de\/wordpress\/leben\/francesco","title":{"rendered":"Francesco"},"content":{"rendered":"<p>Ich wei\u00df gar nicht, wie ich anfangen soll. Heute war echt ein erlebnisreicher Tag. Eigentlich wollte ich von den vielen Schwulen in den Cascine erz\u00e4hlen, aber dann sa\u00df so einer beim Abendessen direkt neben mir und wird mir in den n\u00e4chsten vier Wochen Italienisch beibringen! Na gut, ich mach das ganze mal ein bisschen chronologisch!<\/p>\n<p>Gestern Abend habe ich mich also auf den Weg zur versprochenen Gro\u00dfleinwand gemacht. War leider wieder Fehlanzeige. Auf dem Platz vor Santo Spirito gab es nur eine B\u00fchne f\u00fcr Live-Musik. Hm, nicht so ganz, was ich gesucht hatte. Aber auf dem Weg dorthin lief ich an einem Irish Pub vorbei, das das Spiel zeigte. Das war nur ein paar hundert Meter entfernt, direkt zwischen Ponte Vecchio und Santo Spirito und nannte sich verhei\u00dfungsvoll \u201cFriends\u201c. Das Bier gab es allerdings nicht zum Freundschaftspreis, sondern 0,4 Liter f\u00fcr unsportliche 4,50\u20ac. Da musste ich erst einmal schlucken. Ich stellte mich an einen Tisch zu einem P\u00e4rchen so um die drei\u00dfig, die, wie sich herausstellte, aus Polen kamen und gut deutsch sprachen. Im Laufe des Spiels merkte ich schnell, dass die anderen Trinkgenossen alle fast ausschlie\u00dflich aus Deutschland kamen. Selbst das P\u00e4rchen an meinem Tisch wohnt in Hannover. Na ja, die Armen mussten in der letzten Minute alle WM-Hoffnungen der Polen platzen sehen. Und das obwohl der polnische Torwart doch so gut gehalten hatte und so ein drei oder sogar vier zu null verhindert hatte. Nach dem Spiel war dann leider mein Kleingeld ausgegeben. Ich nehme immer nur ein paar Euro mit in die Stadt, weil ich doch ein bisschen Respekt vor Taschendieben hab. Die Stadt ist schon ziemlich voll von Menschen &#8211; ist schlie\u00dflich gerade Hauptsaison &#8211; und da muss man ein wenig vorsichtig sein. Von den anderen Deutschen hab ich erfahren, dass auf dem\u00a0Piazzale Michelangelo hoch \u00fcber der Stadt wohl tats\u00e4chlich eine Gro\u00dfleinwand stehen soll. Na, ich bin gespannt!<\/p>\n<p>Mena und Lorenzo waren gestern Abend im Theater und kamen erst recht sp\u00e4t, sogar nach mir zur\u00fcck, obwohl heute in Italien kein Feiertag war. Die M\u00fccke hat gestern aus dem Waffenstillstand scheinbar eine bedingungslose Kapitulation gemacht. In der Nacht gab es jedenfalls keine Zwischenf\u00e4lle mehr. Erst heute Abend auf der Terrasse wurde ich erneut gestochen. Mein innerer Wecker funktioniert prima. Obwohl die Sonne schon ziemlich fr\u00fch von der Terrasse in mein Zimmer scheint, weckt er mich erst so gegen zehn, halb elf. Eine perfekte Zeit, um aufzustehen. Heute hab ich mir zum Mittagessen ein paar Tortiglioni mit Menas leckerer Tomatenso\u00dfe von gestern Abend gemacht und auf der Terrasse mit angenehmem Chill- House verdr\u00fcckt. Lorenzo kam schon so gegen zwei von der Arbeit und fuhr kurz darauf weiter zu seiner Mutter, die schon 93 Jahre alt ist (!) und ab und zu ein bisschen Hilfe gebrauchen kann. Die Mittagshitze hier ist einfach unerb\u00e4rmlich, und so blieb ich dann auch bis kurz vor vier in der Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig k\u00fchlen Wohnung und schrieb ein bisschen f\u00fcr unser Rollenspiel.<\/p>\n<p>Ich hatte mir vorgenommen, heute eine Prepaid-Karte von der italienischen Telekom f\u00fcr mein Handy zu kaufen, weil meine Eltern die auch von denen haben, aber das war leider nicht so ganz einfach. Die kleinen L\u00e4den hatten alle von eins bis um vier Mittagspause, aber so genau mit der Zeit nimmt das hier niemand, und so hatten die Gesch\u00e4fte alle um kurz nach vier noch geschlossen. Da es aber noch viel zu hei\u00df zum drau\u00dfen warten war, ging ich in den gro\u00dfen Oviesse an der Piazza hier im Viertel, der keine Mittagspause macht, und schaute mir ein paar Oberteile an. Eigentlich wollte ich mir noch nichts kaufen, weil ich ja noch ein bisschen hier bin, aber da gab es ein Hemd, das musste ich einfach anprobieren, und so bin ich froh, dass ich mit zwei nicht ganz vollen Taschen angereist bin. Da wird sicherlich noch mehr folgen. Um viertel nach Vier hatten dann die L\u00e4den auf, nur leider verkaufte der eine Telefonladen nur Vodafone und der zweite nur Wind, aber die Dame sagte mir zum Gl\u00fcck, wo ich einen Laden finden w\u00fcrde, der auch TIM (Telecom Italia Mobile oder so \u00e4hnlich hei\u00dft das) verkauft. Aber der hatte leider auch um kurz vor halb f\u00fcnf noch nicht offen, und so kaufte ich mir eine Flasche Cola im Tabacchi nebenan und wartete in der immer noch prallen Sonne auf den Ladenbesitzer. Als der halbe Liter bereits wieder ausgeschwitzt, der werte Herr um kurz vor f\u00fcnf immer noch nicht anwesend und meine F\u00fc\u00dfe schon von Verbrennungen f\u00fcnften Grades gezeichnet waren, entschloss ich mich dann doch, wieder nach Hause zu gehen.<\/p>\n<p>Meine Tante, die inzwischen auch von der Arbeit gekommen war, nahm mich mit zum Einkaufen in den COOP um die Ecke. Dort kauften wir die Zutaten f\u00fcr den Festschmaus heute Abend und ein paar K\u00f6stlichkeiten f\u00fcr mich: Schoko-M\u00fcsli, gef\u00fcllte Croissants und Nutella f\u00fcrs Fr\u00fchst\u00fcck. Im COOP haben die ein interessantes System. Wenn man sich registrieren l\u00e4sst, kann man am Eingang ein kleines Ger\u00e4t ausleihen, mit dem man die Waren direkt beim Einladen in den Einkaufswagen scannt. So sieht man direkt, wie viel man zahlen muss und an der Kasse gibt man einfach das Ger\u00e4t ab und zahlt den Einkauf, den man bequem im Wagen lassen kann. Kontrolliert wird das wohl nur durch Stichproben.<\/p>\n<p>Nach dem Einkauf bin ich dann zum ersten Mal Laufen gegangen. Mena hatte mir hierf\u00fcr die Cascine empfohlen, ein gro\u00dfer Park direkt am Arno und ca. 3 km von der Wohnung hier entfernt. Die Cascine sind ein bekannter Treffpunkt f\u00fcr Homosexuelle, und so liefen mir dutzende gut gebaute, absolut stylische junge Bengel entgegen, die hier scheinbar auf Beutezug waren. Na ja, vielleicht waren die nicht alle schwul, und das ist nur ein italienisches Ph\u00e4nomen, denn selbst die vielen Frauen, die sich dort sportlich bet\u00e4tigten waren im neuesten Trend. \u00dcberall sah man nur Muskelshirts (wenn \u00fcberhaupt), bauchfreie Sport-Tops, hochgebundene Sporthosen, MP3-Player um den Oberarm und wirklich jeden zweiten Sportler mit Handy in der Hand oder Bluetooth im Ohr am Telefonieren. Unglaublich! Da bin ich als Normalo richtig aufgefallen, mit 0-8-15- Laufdress und vier Jahre altem MiniDisk-Spieler. Und ein Tempo hatten die drauf! Selbst die alten Opas (auch gr\u00f6\u00dftenteils mit Handy) zogen mich locker ab. Na gut, die sind wahrscheinlich auch die Hitze gewohnt, die trotz sieben Uhr abends immer noch \u00fcber den Stra\u00dfen flimmerte.<\/p>\n<p>Bruna (die Cousine meines Vaters) und Mario (ihr Mann), die heute zum Abendessen kamen, wohnen direkt gegen\u00fcber den Cascine am anderen Arno-Ufer. Mena hatte arrangiert, dass ich nicht durch die versmogte Stadt zur\u00fccklaufen musste und von den beiden mitgenommen wurde. So war ich das erste Mal bei ihnen zu Hause und genoss eine k\u00fchle Dusche mit Arno-Blick. Wirklich sehr nette Wohnung&#8230;.<\/p>\n<p>Ich merke schon, heute wird\u2018s viel!<\/p>\n<p>Zur Cena kam auch noch Francesco, der junge Mann, der mir in den n\u00e4chsten Wochen Italienisch beibringen wird. Moment, habe ich junger Mann gesagt? Der ist ja schon ein alter Sack. Ich dachte, der w\u00e4r\u2018 ein Student! Dabei ist er ein ehemaliger Arbeitskollege von der Bruna und fast genauso alt. Na, die beiden verstehen sich jeweils pr\u00e4chtig. Meines Erachtens ist er hochgradig schwul und erinnert mich stark an einen Professor des Bauingenieurwesens in K\u00f6ln. Aber ich will mich nicht beschweren, der macht \u2018nen sehr sympathischen Eindruck. Am Samstag will er mich mit ein paar seiner Freunde ans Meer mitnehmen und danach mit uns Italien auf Gro\u00dfleinwand gucken. Klingt doch gut.<\/p>\n<p>So sa\u00dfen wir sechs also auf der Terrasse mit Domblick (Nee, nee Marie, ist das nicht sch\u00f6n! &#8230; Fehlt blo\u00df noch vom Balkon, die Aussicht auf den Dom) und lie\u00dfen es uns gut gehen. Bruna hatte den Primo Piatto \u201ePasta con Sugo alle Verdure\u201c mitgebracht, und Mena den Secondo \u201eSchnitzel e Fenchel fritti con Zucchine al forno\u201c und den Terzo \u201ePesce \u00e0 vino biancho e torta di fragole\u201c vorbereitet. Dazu gab\u2018s Vino Rosso und hinterher einen Limoncello und einen Caff\u00e8. In Italien geh\u00f6rt Essen zum Leben dazu und man isst nicht einfach irgendwie. Selbst gestern beim Abendessen zu dritt fragte mich die Mena, ob ich wirklich schon nach dem Primo Piatto (Pasta) genug h\u00e4tte und war erst zufrieden, als ich noch etwas Mozzarella und Salame gegessen hatte. Als ob in Deutschland jemand fragen w\u00fcrde, ob man wirklich schon nach den Nudeln genug h\u00e4tte und ob man den Hauptgang wirklich verschm\u00e4hen wollte.<\/p>\n<p>So sieht\u2018s aus! Jetzt hab ich fast zwei Stunden geschrieben und es ist schon Freitag. Noch ein bisschen Lesen und dann bis um zehn pennen. Ich freu mich auf die kommende Zeit! Gute Nacht!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich wei\u00df gar nicht, wie ich anfangen soll. Heute war echt ein erlebnisreicher Tag. Eigentlich wollte ich von den vielen Schwulen in den Cascine erz\u00e4hlen, aber dann sa\u00df so einer beim Abendessen direkt neben mir und wird mir in den n\u00e4chsten vier Wochen Italienisch beibringen! Na gut, ich mach das ganze mal ein bisschen chronologisch! 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